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THE SPIRIT OF INDEPENDENCE
Herne ist sicherlich ein ungewöhnlicher Standort für einen Schallplattenvertrieb
(richtiger: CD-Vertrieb, aber das klingt nicht!), doch er macht sich gut für
eine Firma, die seit über 20 Jahren in kein richtiges Schema paßt und als
typisiertes Independent-Musikgeschäft immer sehr wandlungsfähig und
offen sein durfte.
Als im Jahre 1982 die Rough Trade Records GmbH als deutsche Niederlassung der
gleichnamigen englischen Muttergesellschaft gegründet wurde ahnte wohl niemand,
welche Entwicklung das junge Unternehmen nehmen sollte. Damals war die Gesellschaft
ein Joint Venture mit einem Großhändler und Importeur, der (zufällig)
DPR hieß und seinen Sitz in Wanne-Eickel, heute "Herne 2" (gleich neben
Bochum), hatte: Die Zielrichtung war die Auswertung des Repertoires unabhängiger
Firmen (Labels/Musikverlage) aus dem Vereinigten Königreich. Mit sechs Angestellten
wurde dieses Unterfangen angegangen.
Zuvor hatte die "Rough Trade-Saga" als Labelgründung ganz zeitgemäß
durch Geoff Travis im inoffiziellen Punk-Jahr 1976 mit der Eröffnung eines
Plattenladens auf der Londoner Portobello-Road begonnen: überall im Lande
entstanden unabhängige Labels mit neuer, aufregender Musik, die zuerst in
den einschlägigen Kontaktbörsen der Szene landete. Schnell entwickelte
sich der Rough Trade Shop zur Informations-Drehscheibe, und bereits ein knappes
Jahr später folgte der nächste, naheliegende Schritt: die erste Rough
Trade Schallplatte erschien - kurioserweise eine Single der französischen
Punkband Metal Urban!
Der Rest ist Geschichte: Das Album "Inflammable Material" der irischen
Lederjacken-Truppe Stiff Little Fingers ("Alternative Ulster") verkauft
über 100.000 Einheiten. Die Independent-Idee macht plötzlich Erfolgsmusik.
Die Industrie steht Kopf, und Rough Trade wächst zu einer unabhängigen
Schallplattenfirma mit internationalen Aktivitäten heran. Parallel wird auch
die deutsche Popkultur um 2-3 Jahre zeitversetzt von der Aufbruchstimmung aus
Großbritannien erfaßt. Getragen von diesem Schwung entsteht dann wie eingangs
beschrieben 1982 rough trade Distribution (RTD). Mit den Arbeitsfeldern Label
und Vertrieb (=Sales & Distribution) wird eine Grundstruktur für RTD ins
Leben gerufen, die bis heute nahezu gültig geblieben ist. Auch in personeller
Hinsicht besteht seit der Gründung eine grosse Kontinuität, wie sie
in der Popbranche nur selten zu finden ist: eine stabile Basis für die ständige
Fortentwicklung des Repertoires. Jenseits von Scheinwerferlicht und Champagnerbars
(der Außenwahrnehmung bei den "Kleinen" in Bezug auf die bis dato erfolgsverwöhnten
Major-Industrie - also "Universal / Sony / BMG / EMI / Warner") kann
die Firma ohne grosse Gelder (Marketing) solide und in Ruhe "ihrem"
Geschäftsansatz, der Musik nachgehen.
Bereits im ersten Geschäftsjahr kommt es zum Ernstfall: die Joy Divison Nachfolgeband
New Order landen mit "Blue Monday" auch in den deutschen Verkaufscharts
ganz oben. Ein Traumstart für das junge Unternehmen. Gleichzeitig eine Ironie
der (Pop-)Geschichte, daß gerade das Post-Punk-Lager eine der markantesten Eurodance-Nummern
der Achtziger hervorgebracht hat. Es mag einer dieser Zufälle sein, aber
auch in den nächsten Jahren ist die künstlerische Linie wesentlich von
Acts aus dem nordenglischen Manchester bestimmt. Neben New Order sind es vor allem
The Smiths mit ihrem exzentrischen Frontmann Morrissey, die lange Zeit vor der
Erfindung von Britpop Standards für melodiös-verschrobene Gitarrensounds
setzen. Auch als gegen Ende der Achtziger die mancunische Rave-Seuche grassiert,
ist RTD über das Factory-Label von Anbeginn dabei. Die Kids tragen XXL-Shirts
und überweite Elephantenhosen - den entsprechenden Soundtrack dazu liefern
die Happy Mondays. Das Spektrum der Firma hat sich dabei auch abseits der einschlägigen
Trends immer erweitert. Soul Asylum waren z.B. schon 1985 bei RTD, also lange
vor dem großen US-Grunge-Hype. Das außergewöhnliche Programm des britischen
4AD-Labels bescherte RTD dann die späteren Erfolge der amerikanischen Pixies.
Und 1988 kam mit Rhythm King der erste Top-Five-Erfolg im späteren Boom-Segment
Dancefloor.
1991 geraten viele kleinere und mittlere Label nach der Zahlungsunfähigkeit
des Großhandels-Netzwerks Cartel in heftige finanzielle Turbulenzen: Auch die
britische Rough Trade Zentrale muß Konkurs anmelden. Einem legendären Fax
der Muttergesellschaft, die vorhandenen liquiden Mittel in Deutschland aufgrund
einer Vorstandsentscheidung unverzüglich an Rough Trade England auszuschütten,
wird in dieser Situation auf Anraten deutscher Anwälte und Wirtschaftsprüfer
nicht Folge geleistet: Die deutsche Firma überlebt, und Steve Mason mit dem
größten britischen Independent-Vertrieb Pinnacle wird Hauptgesellschafter.
Die wirtschaftlich intakte deutsche Tochter mit ihrer Beteiligung Rough Trade
B.V. (Benelux) behält das bewährte Markenzeichen auch innerhalb der
neuen Geschäftskonstruktion und baut das Label Rough Trade weiter aus. Gestärkt
auf den beiden Beinen als Vertriebsdienstleister einerseits (die heute fortbestehende
Struktur) sowie als Record Company andererseits (Rechteinhaberschaft) expandiert
eine funktional sehr effizient zusammenarbeitende Einheit. Künstler in dieser
Zeit sind Die Krupps, Einstürzende Neubauten, Paradise Lost, Dead Can Dance,
die phantastische Songwriterin Heather Nova oder Julian Lennon. Als Sublabel und
Hausnummer für heimische Talente wird das Label Our Choice ins Leben gerufen,
Allianzen mit dem Sheffielder Label Warp oder der belgischen Dance- und Electro-Spezialisten
R&S docken RTD an den internationalen Techno-Kosmos an. Auch düster-rumorende
Metal-Spielarten oder der US-Gitarren-Underground gehören zum vielschichtigen
RTD-Alltag.
Zum bislang größten Coup im Lager der Independents kommt es fünf Jahre
später: Die US-amerikanische Zomba Music Group übernimmt im Spätsommer
1996 mit dem Aufkauf von Pinnacle nicht nur die Mehrheitsanteile von Rough Trade
Deutschland, sondern bringt mit seinen Labels Jive und Silvertone auch viele erfolgreiche
Hip Hop- und Black-Music-Acts in das rough trade - Programm. In dieser Zeit ist
Zomba selbst entweder der kleinste "Major" oder aber auch der größte
"Independent" - die Übergänge sind fliessend und nicht immer abgrenzbar.
RTD selbst hat einen Marktanteil von z.T. deutlich über 5% in Deutschland
(heute 2-3%). Namen wie Backstreet Boys, Britney Spears, R. Kelly, 2Pac und Rednex
aus der internationalen Ebene "Zomba" stehen hinter dieser Zeit, aber
auch vertriebsseitig akquirierte Künstler -neben vielen anderen- wie Tom
Jones, Frank Zappa, Eva Cassidy, Aimée Mann, Stereophonics, Tocotronic, Das Bo,
Fünf Sterne Deluxe, Kruder&Dorfmeister, Jimi Tenor, Nightmares On Wax, Laika
oder Red Snapper.
Parallel muß der bis dato alleinige Herner Standort ab 1996 stetig erweitert werden.
Während die Benelux-Firma international bei Zomba neu angeschlossen wird,
wächst RTD in Deutschland / Österreich / Schweiz von einem Standort mit knapp
100 Mitarbeiter / Innen in sechs Jahren auf acht Standorte mit knapp 230 im "Headcount"
an; darunter vollzieht sich auch 1999 die Auslagerung der Logistik nach Bochum.
IT-seitig werden diese acht Standorte plus weitere fünf aus dem Geschäftsfeld
"Musikverlage" sowie dem Territorium Benelux durch das Herner Rechenzentrum
betreut. RTD wird von 1995-1997 fortlaufend und mit zu großem Abstand von der
Fachzeitschrift Musikwoche mit der äußerlich dem "Oscar" ähnelnden
Auszeichung der "musica" zum deutschen "Indie des Jahres"
gewählt - weswegen diese Kategorie zur Freude der Konkurrenz dann auch schnell
wieder abgeschafft wird.
Mit dem Jahr 2002 enden die goldenen Zeiten von rough trade (namentlich von 1999-2003
im Intermezzo "Zomba Records GmbH") vorerst: die Krise der Musikbranche,
die von 1999 bis 2004 gut 40% ihres Marktvolumens in Deutschland verliert, macht
nicht halt vor RTD. Verstärkt durch einen seitens des Gesellschafterwechsels
ausgelösten organisatorisch-strategischen Entscheidungsstau, bedingt aus
wechselnden Zuständigkeiten im Rahmen des Verkaufs von Zomba an Bertelsmann
und der daraus folgenden Integration, sind die Jahre 2002 bis 2004 schwere Jahre.
Zusammen mit der Pinnacle-Gruppe in UK und der Rough Trade B.V. in Benelux lebt
RTD (vergleichbar zu der Zeit vor 1996) als Zusammenschluß von Firmen aus der
Zomba-Integration bei Bertelsmann in der arvato als "European Independent
Distribution Pool" fort. Versand vieler Titel mit kleinen Mengen im Vergleich
zu wenigen Titeln mit großen Mengen (Major-Konzept). RTD macht den gesamten Handel
auch erreichbar für die "kleinen" Künstler, eine Aufgabe,
die die großen Plattenfirmen, die sich parallel zur Entwicklung vom kleinen Künstler
weg auch immer mehr vom "Klein-Handel" abwenden, organisatorisch nicht
abdecken können.
Nach diesen wechselvollen und meist sehr erfolgreichen Jahren, zumeist in Nischen,
beschäftigt rough trade heute als reiner Vertriebsdienstleister 90 Mitarbeiter,
die alle Dienstleistungen wie Label Management, Promotion, Verkauf & Marketing,
Vertrieb & Logistik sowie Administration abdecken.
RTD vertreibt und betreut u.a. Top-Labels wie Clear Vision, Colosseum, Domino,
Dramatico, Greensleeves, !K7 Records, Klubbstyle, PIAS, Pinnacle, RedInk, Rough Trade,
Rykodisc, Sanctuary, Trojan, Warp, Greensleeves, Vision und Vital
(neben vielen weiteren, zumeist kleineren, Labels).
Jedes (Musik-)Label wird dabei im Tagesgeschäft von einem
Label Manager betreut. Dieser unterstützt das Label in der optimalen Vermarktung
seines Kataloges sowie Neuerscheinungen, indem Verkauf und Logistik mitgesteuert
werden.
Betreut wird durch das eigene Verkaufs- und Marketingteam, bestehend aus Verkaufsleitung,
Key Accounting, Außendienst und Telefonverkauf nicht nur der gesamte deutsche
Tonträgerhandel einschließlich aller Warenhäuser und Ketten: von Bochum
aus werden viele tausend unterschiedliche Titel ausgeliefert - u.a. auch an alle
Kunden in den Benelux-Staaten sowie die Exklusiv-Vertriebspartner in der Schweiz
(Musikvertrieb) und Österreich (edel-musica). Der Name rough trade ist in der
Musikwelt im Laufe der Jahre ein Begriff nicht nur für interessante, zeitgemäße
Musik geworden, sondern auch für einen kompetenten, soliden und stets zuverlässigen
Geschäftspartner.
Dabei kommt der Verantwortung gegenüber den Mitarbeiter/Innen, denen die
Firma idR mehr ist als nur ein "Arbeitgeber", sondern auch Ausdruck
einer Lebensphilosophie, eine große Rolle zu, der sie auch gerecht werden will.
So konnte z.B. für einen unter tragischen Umständen auf einer Dienstreise
fast tödlich verunglückten Mitarbeiter im Außendienst mit Folge der
Blindheit nach einer mehrjährigen Rekonvaleszenz ein behindertengerechter
PC-Arbeitsplatz im Bereich des Telefonverkaufes aufgebaut werden: eine für
beide Seiten im Rahmen der Umstände optimale Lösung.
Derzeit erlebt rough trade in 2006 einen stetigen Aufschwung gegenüber
den Vorjahren, der dem negativen Branchentrend in Deutschland entgegensteht.
Über allem schweben bei rough trade das Bekenntnis zum Ruhrgebiet und den Mitarbeiter
/ Innen, der Geist der Unabhängigkeit (begünstigt durch die dezentrale
Strukur von Bertelsmann), Schnelligkeit in der Entscheidung und wichtigen Unternehmensprozessen
sowie die Überzeugung, daß gute Musik keine Grenzen kennt.

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